Vorgehensweise

Bei der Funktionellen Entspannung geht es zum einen um Wahrnehmen und Bewegen im Feld der Schwerkraft geht. Die körperliche Wahrnehmung wird auf folgende Bereiche fokussiert:

    1. den Bezug zum Boden bzw. zur Unterlage, als »äußeren Halt«,
    2. das knöcherne Skelett, in der FE das Gerüst genannt, als »inneren Halt«,
    3. die Innenräume des Körpers,
    4. die Haut als äußere Grenze

 

.Ein weiteres zentrales Therapieziel der FE ist neben der Entdeckung der Propriozeption das »Finden des Eigenrhythmus« des Patienten. Dabei geht es um vegetative Vorgänge, die rhythmisch organisiert sind und insbesondere im Atemrhythmus wahrnehmbar und für den Patienten erlebbar werden. Im Gegensatz zu anderen, eher übenden Verfahren, z. B. dem autogenen Training, geht es bei der FE darüber hinaus auch um die Umsetzung der körperlichen Wahrnehmungen des Patienten in Sprache. Das »dialogische Prinzip« Viktor v. Weizsäckers ist daher in der Therapie mit FE von besonderer Wichtigkeit. Um diese drei Anliegen, Anregung der Propriozeption, Entdecken des Eigenrhythmus und Verbalisierung des Wahrgenommenen, zu verwirklichen, hat die Methode drei Grundregeln, die »Spielregeln«, entwickelt, die als Leitlinien im therapeutischen Prozeß dienen. Sie lauten:

    Erste Spielregel:    Alles (Wahrnehmen und Bewegen) im Aus (-atmen) beginnen.          
    Zweite Spielregel: Alles Wahrnehmen und Bewegen wiederholen, aber nicht oft (nur 2-3 x).
    Dritte Spielregel:   Nach dem Wahrnehmen und Bewegen nichts mehr tun, nachspüren.


Zu den Spielregeln:
1. Im Zentrum steht der Vorgang des sogenannten »Loslassens«, d. h. einer begrenzten, an die Dauer einer Phase des Atemrhythmus gekoppelten Entspannung. Der Name der Methode beruht auf diesem durch die Funktion des Atemrhythmus begrenzten Entspannungsvorgang.

2. Wie V. v. Weizsäcker im »Gestaltkreis« beschrieb, gehören Wahrnehmen und Bewegen zusammen, d. h., die Anregung der Propriozeption wird in der FE nicht nur durch das »Loslassen im Aus«, sondern durch kleine bis kleinste Bewegungskreise an den Gelenken bewirkt. Ein Wahrnehmungs- und Bewegungsangebot, fokussiert auf eine bestimmte Körperregion, wird  wiederholt, jedoch nur wenige Male, da ein gymnastisches Üben nicht erwünscht ist.

3. Durch das Ermöglichen einer »schöpferischen Pause« im sogenannten »Nachspüren« wird es dem Übenden erleichtert, sich an das von ihm Entdeckte zu »erinnern«, evtl. vegetative Reaktionen, wie z. B. Warmwerden der Hände, zu bemerken und innere Impulse, z. B. zu seufzen, zu stöhnen oder sich zu räkeln, zu registrieren und ihnen zu folgen.

 

Zuletzt sei der Umgang mit der Hand als ein weiterer Bestandteil des methodischen Vorgehens genannt. M. Fuchs bezeichnet ihn als »therapeutisches Anfassen in verantworteter Beziehung«, d. h. unter Beachtung von Übertragung, Gegenübertragung und Abstinenz des Therapeuten. Die Hand hat für den Patienten die Funktion als »Spür- und Loslass-Hilfe«, dem Therapeuten dient sie als »Diagnostikum«. Der Einsatz der Hand ist eingebettet in den verbalen Dialog, erfolgt also nie schweigend, massierend oder lang andauernd.

An dieser Stelle sei ein kurzer Exkurs eingefügt zu den neurophysiologischen Wirkzusammenhängen, von denen bei der Funktionellen Entspannung ausgegangen wird:
Durch die Kopplung von Loslassen im Ausatmen und kleinen Bewegungsreizen in einem begrenzten Körperbereich kommt es zu einer Steigerung der sensorischen Afferenzen, insbesondere der Propriozeption. Unterschiede von Druck, Spannung, Gliederstellung und Haltung werden genauer und intensiver wahrgenommen.

Gleichzeitig werden die spontanaktiven Schrittmacherneurone des Atemzentrums im Hirnstamm erreicht. Unter Mitwirkung der Formatio reticularis wird der zentrale (autonome) Atemrhythmus von seinen zivilisationsbedingten Einengungen und Störungen befreit.

Vegetative Muster, z.B. Blutdruck, Darmtätigkeit, Speichelfluss oder auch der periphere Bronchialwiderstand werden bei dem Wahrnehmungsprozess messbar und spürbar verändert. Durch eine passagere Aktivierung des Parasympathikus im "Loslassen" und einen nachfolgenden leichten Sympathikusreiz durch kleine Bewegungsreize kann es zu einer "vegetativen Balancierung" kommen. Veränderungen im emotional-affektiven Erleben werden ebenfalls über die Formatio reticularis und deren Verbindung zum limbischen System ermittelt. So können z. B. das »Loslassen im Aus« als »Entlastung« und das darauffolgende »Ein(atmen)« als befreiende Selbstentfaltung erlebt werden.