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Dr. Monika Leye

Funktionelle Entspannung – eine Leibmethode für ein „ausbalanciertes Leben“
 

1. Zur Geschichte der Methode der Funktionellen Entspannung

Die Entwicklung der Methode der Funktionellen Entspannung wurde durch besondere Lebenseinflüsse von Marianne Fuchs mitbestimmt. Sie war durch ihr an Asthma erkranktes Kind (etwa 8 Monate) herausgefordert und es entstand eine für die Funktionelle Entspannung befruchtende Zusammenarbeit mit der damals befreundeten Lungenfachärztin Rosa-Wolf. Fuchs wurde auch beeinflusst durch die atemtherapeutischen Methoden von Schlaffhorst-Andersen. Die Funktionelle Entspannung spiegelt auch allgemein das phänomenologische Denken dieser Zeit wieder.

Der Anfang des 20. Jahrhunderts war in Deutschland die Zeit von Jugendwanderbewegung, Vegetarismus, Spiritualismus, Naturismus, Nudismus, Biologismus, neuer Gymnastikbewegung und neuem Deutschen (Ausdrucks-) Tanz. Es war die Zeit der Rückbesinnung auf die zunehmend verlorene Beziehung zur Natur und die Zeit von Zivilisationskritik und Anti-Intellektualismus (vgl. Franzen 1995). Fuchs wurde – wie auch Viktor von Weizsäcker – von einem Zeitgeist der Forschung am Lebendigen gegen starre Einordnungen getragen.

Ursprünglich ausgebildet als Gymnastiklehrerin entwickelte Fuchs ihre Methode demnach in der Zeit der gymnastischen und reformpädagogischen Bewegungen. Es gab einige besondere Frauen in dieser Zeit, die als ursprüngliche Gymnastiklehrerinnen Ideen entwickelten, die später vor allem in die Gestalttherapie und Konzentrative Bewegungsentspannung eingegangen sind, wie zum Beispiel Gindler und Schülerinnen von ihr wie Hengstenberg, Ludwig und Goralewski. Auch die Funktionelle Entspannung hat über Jahrzehnte eine psychodynamisch orientierte Therapierform entwickelt, wenngleich Fuchs von Anfang an immer an eine entwicklungsfördernde Unterstützung des gesunden Menschen durch ihre Methode dachte. Die Funktionelle Entspannung wird in den letzten Jahren zunehmend wieder von für Funktionelle Entspannung ausgebildeten Fachkräften in pädagogischen Bereichen wie Erziehung, Schule, Kindergarten eingesetzt.

 

2. Die Besonderheiten der Methode der Funktionellen Entspannung

In der Funktionellen Entspannung werden Wahrnehmungen und Bewegungsqualitäten differenziert und verändert. Es wird in dieser Methode Wert gelegt auf das „Sprache-Finden“ für Erfahrenes und Erlebtes. Über den sprachlichen Ausdruck können erlebte Gefühle, die sich auf dem „Schauplatz“ Körper zeigen, von der Körperebene in die Beziehungsebene zu anderen Menschen wechseln (Prinzip der Stellvertretung bei Viktor von Weizsäcker).

Die Funktionelle Entspannung betrachtet Dimensionen wie „Halt“, „Raum“, „Rhythmus“ und „Grenze“. Sie arbeitet auf der subjektiven Wahrnehmungsebene mit dem konkret Leiblichen, dem menschlichen Skelett mit seinen Gelenken für das Empfinden von Halt (in Verbindung mit Schwerkraft), den Räumen für das Empfinden von Körperräumen und deren Verbindungen und der Haut für das Empfinden der Grenze zwischen Innen und Außen des Menschen. Fuchs (19976) hat sogenannte „Spielregeln" formuliert, die als Besonderheit dieser Methode anzusehen sind. Die „Spielregeln“ sind dazu gedacht, die natürlichen autonomen Körperregulationen zu unterstützen. Die „Spielregeln" sind:

- Gelenkbewegungen in Verbindung mit dem Atemrhythmus (meist während der Ausatmung)

- „weniger ist mehr“ (nur 2-3 Wiederholungen einer Übung)

- Zeit lassen für Nachspüren. Veränderungen wahrnehmen.
   Wahrgenommenes „zur Sprache bringen“.

Die "Spielregeln" implizieren "Gelassenheitsdenken" - eine Bewusstseinshaltung, die in unserer Gesellschaft vorerst kontraproduktiv erscheint. Im Kern der Methode steht die Absicht einer Tonusveränderung des Zwerchfells, sodass ein ungestörter, natürlicher Atemrhythmus sich einschwingen kann.

Fuchs war in engem fachlichem Austausch mit Viktor von Weizsäcker. Die Beeinflussung ihrer Methode durch die Ideen des Gestaltkreises von Viktor von Weizsäcker spiegelt sich an einigen wesentlichen Stellen der Methodenbeschreibung wieder. Viktor von Weizsäcker hat bei Fuchs wohl „gespürt“, dass sie die Kreativität hat, annähernd das zu praktizieren, was er in den theoretischen Auseinandersetzungen von „Wahrnehmen und Bewegen“ meint. Die Funktionelle Entspannung wurde seit den 40er Jahren des letzten Jahrhunderts schwerpunktmäßig therapeutisch angewendet und als tiefenpsychologisch fundiertes Verfahren bei psychosomatisch erkrankten Menschen angewandt. In jüngster Zeit wurde konzeptuell an der Weiterentwicklung der Funktionellen Entspannung gearbeitet, um die Methode in pädagogische Bereiche und Berufsfelder zu integrieren. Sie ist als ein für die ganzheitliche Entwicklung des Menschen unterstützendes Verfahren zu verstehen. Die subtile Selbstwahrnehmung, sowie das Finden von Eigenrhythmus im umfassenden und vielschichtigen Sinn sind demnach nicht nur als therapeutische Ziele zu sehen. Die an „kleine Reize gebundene Pädagogik“ (Fuchs 19976), welche das „’es’ atmet mich“ ermöglichen soll, lässt das Gleichgewicht von „abgeben“ und „annehmen“ immer wieder sich entwickeln.

Es ist ein Ziel in der Funktionellen Entspannung, Bewusstes und Nicht-Bewusstes in seiner gegenseitigen Verborgenheit, Abhängigkeit und Zusammenarbeit erfahrbar und verstehbar zu machen, um somit Veränderungen erlernen zu können. Es gilt somit mit den unterschiedlichsten autonomen biologischen Reaktionen, wie Erschöpfung, Überwach-Sein, Ängste, Ärger, Resignation oder auch Funktionslust wirkungsvoll umzugehen. Es sollen in der Arbeit mit der Funktionellen Entspannung auch gewohnte „Haltungen“ hinterfragt werden. Sie sind gegebenenfalls im Dialog mit sich selbst und mit den anderen zu verändern. Die auf das vegetative System des Menschen einwirkenden Rhythmen sind wahrzunehmen und Möglichkeiten eines eventuellen Neu-Umgangs zu erarbeiten und zu erleben (Tag/Nacht, Arbeitsatmosphären, Arbeit/Erholung, Jahreszeiten etc.). Rhythmusstörungen sind zu bemerken, deren Auswirkungen zu erkennen und individuelle Lösungen zu finden, zum Beispiel einen wohltuenden persönlichen Eigenrhythmus mitgestalten (Vielfalt und Einmaligkeit), Fremdrhythmus wahrnehmen, Pause als Rhythmuselement achten lernen, eine individuelle Zeitpraxis gestalten lernen.

Nach Fuchs (19976) wird in der Funktionellen Entspannung ohne festgelegte Übungen geübt. Es wird bedürfnisorientiert mit feinspürigen Bewegungsintervallen gearbeitet, die den "Innenrhythmus" entbinden, das heißt vitalisieren oder entspannen beziehungsweise ihn rhythmisieren helfen.

Der Begriff „Entspannung“ meint in der „Funktionellen Entspannung“ nicht inaktive Spannungslosigkeit (die sogenannte Lehnstuhlentspannung). Entspannen ist als ein dynamisches und gelassenes Geschehen zu verstehen, welches zu menschlichem Eigenrhythmus führt. Für die jeweils unterschiedlichen Situationen des Alltags ist eine „funktionsgerechte Spannung“ zu suchen.

Sehr vergleichbare Vorstellungen über den Begriff der Entspannung hat Gindler. Ihre Beschreibung erinnert an östliche Ideen von Entspannen.

Entspannung definiert sie als „Zustand der höchsten Reagierfähigkeit, eine Stille in uns, eine Bereitwilligkeit, auf jeden Reiz richtig zu antworten ... Sie lässt sich am leichtesten erreichen durch Empfindung der Schwerkraft“ (in Zeitler 1991, S. 56, zitiert in Franzen 1995).“

Es finden in der Funktionellen Entspannung keine „gelenkten“ Atemübungen statt. Die Atmung wird „indirekt“ einbezogen und angegangen, indem die Entspannungsfähigkeit des Zwerchfells - das Zentrum des ganzen Verfahrens – angeregt wird. Das Zwerchfell selbst kann weder gespürt noch bewusst entspannt werden wie auch mit ihm nicht gezielt geübt werden kann. Es ist und bleibt „unbewusst“, und damit so Fuchs „das tiefste „Es“, die Grundlage für die (unwillkürliche) Haltung, den „innersten“ Halt“ (19976, S. 15.) Das Phänomen der Atmung ist ein komplexer Vorgang. Es ist zum Beispiel abhängig von der Haltung des Menschen. Die Atmung bedeutet nicht nur Austausch im Sinne von Stoffwechsel, sondern ihre Art des Rhythmus kann zum Beispiel Beziehungsqualitäten spiegeln (Fuchs 19976, S. 50).

Es geht also in der Funktionellen Entspannung um den Abbau und einen Ausgleich von leiblichen Fehlspannungen, beziehungsweise um eine Art „Funktional Entspanntes“.

Aufgrund des unterschiedlichen Entwicklungsstandes ist es in der Funktionellen Entspannung sinnvoll, methodisch-didaktisch gesehen das Kindes- und Jugendalter als jeweils spezielle Bereiche zu sehen, denn die Funktionelle Entspannung setzt für den Prozess bewusster Körpererfahrung eine entsprechende Reflexionsfähigkeit voraus - wie alle körperbezogenen Verfahren. Im Kleinkindalter kann das „präreflexive Wissen“ durch die Methode des „Unvermittelten“ (z.B. Bewegung mit hörbarem Ton begleiten) Berücksichtigung finden.

 

Literatur

FRANZEN, G. M. (1995). „Werden sie wieder reagierbereit!“ Elsa Gindler und ihre Arbeit, aus Zeitschrift der Deutschen Vereinigung für Gestalttherapie, Heft 2, 1995

FUCHS, M. (19976). Funktionelle Entspannung. Theorie und Praxis eines körperbezogenen Psychotherapieverfahrens, Stuttgart: Hippokrates

 

Aus:

ATEM - Die Zeitschrift
Heft 1 1/2007

Hrsg.:
AFA - Arbeits- und Forschungsgemeinschaft für Atempflege e.V.
BVA: Berufsverband für Atempädagogik und Atemtherapie e.V.